Der Wildfluss Thur gibt im Schäffäuli den Takt an: mit jedem Hochwasser wird Vorhandenes verändert.
Dabei entstehen fliessend neue Lebensräume und Nischen für seltene Pflanzen und Tierarten.
Es sind Pionierarten, welche die steilen Abrisskanten, Rückläufe mit nahrungsreichen Schlickflächen,
Stillwasserzonen und Kiesflächen besiedeln. Einerseits zeigen sie erstaunliche Fähigkeiten mit Extremsituationen umzugehen, andererseits sind sie auf Gedeih und Verderb von diesen Lebensräumen abhängig.
Der Flussregenpfeifer ist eine dieser Pionierarten. Seine bevorzugten Brutplätze sind vegetationsfreie oder ganz spärlich bewachsene Kiesflächen. Während der Brutzeit bieten diese Pionierflächen den besten Schutz vor Feinden. Hier sind die Vögel durch ihre Tarnfärbung für scharfe Augen in Ruhe kaum auszumachen.
Der Nachteil: neu geschaffene Flächen sind durch ihre geringe Höhe stark Hochwasser gefährdet.
Schon kleinere Regenmengen können zum Untergang der Gelege führen.
Fast gebändigt sieht der Fluss auf Drohnenaufnahmen anfangs 2025 aus. Vom grossen Flussmäander sind noch die entstandenen Abrisskanten sichtbar. Ausser bei Hochwasser umfliesst aber ufernah nur noch das Wasser des Binnenkanals, der hier in den Fluss mündet, die grosse Thurgauer Kiesbank. Überschwemmt wird diese nur noch bei >400m3/sec. Die vegetationsfreien Flächen darauf werden deshalb immer kleiner. Der Lebensraum verändert sich zu jungem Auenwald, den ganz andere Arten nutzen können. Den 5-6 Flussregenpfeiferpaaren blieben die vorgelagerten niedrigen TG Kiesflächen und die ebenfalls flachen ZH Kiesbänke zum Brüten.
Flussregenpfeifer (CH 100-120 Brutpaare) brauchen ungestörte Kiesbänke zum Brüten. Das Winterquartier der Flussregenpfeifer liegt südlich der Sahara. Ab Mitte März kann man die ersten Rückkehrer im Schäffäuli erwarten, am 23. März waren bereits die ersten 2 Paare da. Die Balz beginnt jeweils sofort nach der Rückkehr ins Brutgebiet. Männchen und Weibchen bebrüten ihre vier Eier abwechselnd etwa 24 Tage lang in einer einfachen Nistmulde im Kies. Dem Wetter rund um die Uhr schutzlos ausgesetzt! Damit sie ihr Gelege nicht gefährden, verlassen sie es so wenig wie möglich. Bei der Brutablösung muss die Luft rein sein, erst dann nähert sich der ablösende Vogel dem brütenden im Zickzack. Sind die Jungen geschlüpft, wird die Aufgabe schwieriger. Zum Schutz vor Nässe und Auskühlung werden sie von den Eltern gehudert (= unter die Flügel genommen), aber da sie als Nestflüchter ihre Nahrung von Anfang an selbstständig suchen müssen, sind sie sehr leichte Beute für überfliegenden Greifvögel oder Möwen. Es braucht engste Betreuung durch die Elternvögel, die sie vor Gefahren warnen, bis sie nach rund 3 ½ Wochen flügge sind.
Kurz vor Auffahrt (29. Mai) und an Pfingsten standen alle vegetationsfreien Kiesbänke unter Wasser. Nichtflügge Thurgauer Vögel konnten immerhin auf höhere Flächen ausweichen, die Zürcher mussten übers Wasser, per Sprungflug? Die Zeitspanne ab 7. Juni (Pfingsten) bis zum Hochwasser am 29. Juli (280m3/sec) war auch sehr knapp: 1 Woche für volles Gelege, 24 Tage brüten, 21 Tage fast flügge… Ob die Zeit gereicht hatte zum flügge werden ??? Eine Erfolgskontrolle ist fast unmöglich, da die Vegetation kaum mehr freie Sicht auf die Kiesbänke erlaubt.
Die Absperrungen an beiden Ufern ab Ende März bis anfangs August entlang der Ufervegetation werden gut akzeptiert – eine kurze Vandalismusphase zu ev. Schlupfzeit anfangs Juli ärgerte natürlich sehr.
Ein erneut schwieriges Jahr auch für den Eisvogel !
Das Juni-Hochwasser im Vorjahr hatte praktisch zum Totalverlust der Eisvogelbruten geführt. Zusammen mit dem weiteren schwierigen Witterungsverlauf mit häufigen Starkregenereignissen führte das zu einem niedrigen Ausgangsbestand 2024. Zwar war der Winter 2024/25 eher mild, doch dürften die vielen Wassertrübungen in den Regenperioden zu einer erhöhten Wintersterblichkeit geführt haben. Im nicht begradigten Flussabschnitt unterhalb von Thalheim siedelten sich 2025 nur 5 Brutpaare an, halb so viele wie im Vorjahr. Im renaturierten Abschnitt Thalheim/ Altikon/Neunforn blieb es 2025 bei Einzelbeobachtungen, auch die Brutwand bei der Einmündung des Ellikerbaches in den ZH Binnenkanal blieb verwaist . → Eisvogelbericht Matthias Griesser www.andelfinger-naturschutzverein.ch
Der Wetterverlauf entscheidet einmal mehr über Bruterfolge - über Sein oder Nicht-Sein
Von Jan. bis April war es überdurchschnittlich warm. Vor allem in der Ostschweiz gab es kaum Niederschläge. Die Trockenheit im Mai /Juni führte zu einem rekordtiefen Wasserstand am Bodensee: minus 120cm unter der Norm! Am Untersee tiefste Wasserstände seit Beginn der Aufzeichnungen 1886.
Die Temperaturen 3.8°C höher als in der Referenzperiode von 1881-2020 (am 2. wärmsten seit 1864)
→ die durchschnittlichen Wassertemperaturen lagen bereits Ende Juni bei >25°C, mit Tagesmaxima bis 28°C ! (Station Andelfingen).
→ Thurgauer Wasserentnahmeverbot aus Oberflächengewässern ab 27. Juni bis 31. Juli (Ausnahmen u.a. Rhein, Hüttwilersee) Die Kantonsgrenze TG/ZH verläuft bekanntlich ab Höhe Feldisteg in der Mitte des Flusses. So hatten wir an der Thur wieder die etwas groteske Situation, dass die Zürcher Pumpen auch nach dem 22.7. beim Wasserstand von 4m3/sec. weiterlaufen durften.
Temporäre Fischschutzzone Schäffäuli: eigentlich längst überfällig.
Die Fische müssen in Trockenperioden selbstständig kühlere und tiefere Bereiche aufsuchen können. Hier haben wir vor Ort ein renaturiertes Gewässer mit Rückläufen, natürlich beschatteten Ufern und Totholzstrukturen unter Wasser. Unsere saisonale breit akzeptierten Absperrungen an Land gibt es schon.
Sanierung Fischgängigkeit Zürcherschwelle Aug. bis Sept 2025 durch den Kanton Thurgau
Die Schwelle liegt kurz vor der Einmündung des ZH Binnenkanals beim Asperhof. Bau der Schwelle 1980 zwischen den Kantonen TG und ZH zur Verminderung der Erosion der Thursohle.
Die Sanierung soll die freie Fischwanderung und damit den genetischen Austausch auch für schwimmschwache Fischarten mit
geringem Aufwand ermöglichen. Sie erfolgt als vorgezogene ökologische Massnahme bis zur Umsetzung der Thurgauer Korrekturprojekte auf Basis von Thur3, dem Kantonalen Hochwasserschutz- und Revitalisierungsprojekt für das Thurtal.
Dabei wurde oberhalb der Schwelle in der thurgauer Flusshälfte ein Halbkreis mit Blocksteinen gesetzt, die vorhandene Spundwand abgesenkt und die Neigung der Rampe verlängert.
Für «starke» Fische wie die Nasen war die Schwelle bisher kein Hindernis. Seit der Renaturierung der Murg und den Aufschüttungen der Schwellen mit Kies können die Nasen zum Laichen murgaufwärts wandern, inzwischen jedes Jahr mehrere tausend Exemplare. Teils laichen sie aber auch bereits im Schäffäuli.
Die Nasen gehören zu den stark bedrohten seit 2006 ganzjährig geschützten Fischarten (Rote Liste Art). Die Weibchen graben im Flachwasser mit der Schwanzflosse eine Grube im lockeren Kies und kleben ihre Eier an die Steine.. In den ersten paar Tagen nach dem Schlüpfen halten sich die Larven in den Lücken im Kies auf, dann im ruhigen Wasser der Flussrückläufe.
Grundsätzlich wandern alle unsere einheimischen Fischarten. Die Tiere wandern, um stets die idealen Ressourcen (Nahrung) und Lebensbedingungen (Wassertemperatur oder Strömung) vorzufinden und dies in jedem Altersstadium. Sie sind daher auf eine intakte Vernetzung der Fliessgewässer inklusive den im Sommer oft kühleren Seitenbächen angewiesen.
Strukturaufwertungen durch Gewässerunterhalt:
Seit 2018 hat das AWEL in enger Zusammenarbeit mit der Fischerei- und Jagdverwaltung ZH, dem kantonalen Fischereiverband und Aqua Viva ein Projekt zur lokalen Aufwertung von Fliessgewässern gestartet. Es zielt darauf ab, an Bächen und Flüssen, die durch den kantonalen Gewässerunterhalt gepflegt werden, mit vergleichsweise einfachen baulichen Massnahmen eine sofortige Verbesserung für Fische und andere aquatische Lebewesen zu erreichen. Durch den Einbau von Totholzelementen wie Raubäumen oder Wurzelstöcken können beispielsweise Fischunterstände und mehr Dynamik geschaffen werden. Die Revitalisierungen von grösseren Fliessgewässern dauern bis zur Umsetzung meist sehr viel länger und sind Generationenprojekte.
Lebensnotwendige Ökologische Infrastruktur
Entlang der ganzen Thur haben wir eine durchgehende Längsvernetzung von Lebensräumen, die der Fluss einst mäandrierend selbst geschaffen hat. Der Fluss ist das verbindende Element, als Lebensader, Leitstruktur und Wanderkorridor.
Bei Kälteeinbrüchen und Schlechtwetterperioden zur Zugzeit im Frühling und Herbst jagen zigtausende Segler und Schwalben über dem Flussraum und den thurnahen Gebieten.
Ökologische Bewirtschaftung für die Biodiversität:
das gestaffeltes Mähregime des AWELs an unserem Thurabschnitt ist vorbildlich.
Vom Feldisteg bis zum Asperhof besteht während der ganzen Vegetationsperiode ein äusserst vielfältiges Blütenangebot mit einem Mosaik an ungemähten Abschnitten. Im Schutz der breiten Krautsäume entlang der Ufervegetation brüten u.a. Sumpfrohrsänger, Gartengrasmücken und Nachtigallen, deren Bestand in den letzten Jahren erfreulich zunehmend ist (7 Brutpaare thurnah entlang von 5 Flusskilometern 2025). Das Schäffäuligebiet ist ein echter Hotspot seltener Brutvögel. Baumfalke, Pirol, Kuckuck, sechs Spechtarten… spannende Exkursionen sind garantiert.
Problempflanze Berufkraut: das Neophytenprojekt läuft weiter
Die Strecke ab Kantonsgrenze oberhab Feldisteg bis zur Altikerbrücke wurde regelmässig vom NVV Altikon gejätet, die Strecke unterhalb der Fuchsbrücke vom AWEL.
Es erlaubt auf den mageren artenreichen Wiesen der Dammsüdseiten einen späteren Mähtermin mit normalem Heuen ab Mitte Juni, zugunsten der einheimischen Flora und Heugümper & Co.
Die mit Berufkraut kontaminierte Flächen würden sonst früher und häufiger gemäht, das Schnittgut gleichentags entsorgt. Dies ist immer noch das Mittel der Wahl zwichen Altikerbrücke und Fuchsbrücke.
Schock im Mai: Kontamination der bisher Berufkrautfreien Nordseite des Dammweges unterhalb der Altikerbrücke durch Belagserneuerung im Vorjahr. Jahrelange Arbeit vergebens?
Therapie: Nach Mähen/Entsorgung des 50cm breit kontaminierten Bankettstreifens anschliessende Behandlung mit elektrophysikalischer Methode. Hochspannungsstrom, erzeugt durch einen Generator, wird in die Pflanzen geleitet, durch deren natürlichen Widerstand in Wärme umgewandelt. Die Pflanze wird «gekocht» bis in die Wurzel. Die Methode scheint sehr wirkungsvoll, auch nach 6-8 Wochen noch kein Berufkraut.
Unser Engagement vor Ort geht auch 2026 weiter.
Die Massnahmen für den Flussregenpfeiferschutz mit Unterstützung der Fachstelle Naturschutz ZH und des Forstamtes Thurgau .
März 2025 Fide Meyer (Text, Fotos NaThur), Silvio Bartholdi (Fotos Vögel) Natur- und Vogelschutzverein Altikon




















