Natur- und Vogelschutzverein

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Sonntag, 24. Dezember 2017

Bericht zur Flussregenpfeifersaison 2017
an der Thur Altikon ZH / Neunforn TG



Schäffäuli, 15. März 2017:
Der erste Flussregenpfeifer ist vor Ort !
Sein Kommen hatten wir bereits an der Avimonitoring-Tagung vom 25. Februar in Zürich vor breitem Publikum angekündigt (Birdlife Zürich / Orniplan).
Titel unseres gemeinsamen Vortrags war: Schwieriges (Über)leben in Klein-Rimini – Flussregenpfeifer an der renaturierten Thur bei Altikon/Neunforn.

Wir waren deshalb besonders motiviert, auch dieses Jahr das Auenschutzgebiet „Schäffäuli“ mit seinen wertvollen Pionierflächen, Stillwasserzonen und Uferabrissen während der ganzen Brutzeit vor Störungen zu schützen.

Davon profitieren nicht nur die Flussregenpfeifer, sondern auch alle anderen Bewohner dieses artenreichen Lebensraums.

Die Kiesbänke waren im neuen Jahr bereits zweimal von einem Hochwasser mit rund 300m3/sec. blank geputzt worden – wenigstens theoretisch ideale Brutbedingungen für die Flussregenpfeifer.


Ende März installierten wir die bereits bewährten Absperrungen entlang der Uferkante TG mit Holzpfosten, Weidezaunband und Infolaminaten.
Eine Woche vor Ostern dann die Markierungspfosten für Bötler und Fischer im Sichtabstand zueinander entlang der Wasserlinie.
Die Zürcher Kiesinsel (links) war von April bis Mitte Mai wegen des kühl-nassen Wetters unzugänglich, kaum jemand watete durchs kalte Wasser. Bei den ersten sommerlichen Temperaturen an Auffahrt und niedrigem Wasserstand wurde die Insel zur Erholungskiesbank für alle.
Das dort schon zwei Wochen lang brütende ZH -Paar gab deshalb sein erstes Gelege auf, ein zweiter Versuch folgte.


Rekordsaison 2017: total 8 Brutpaare

Die ersten drei Thurgauer Flussregenpfeifer 2017 - geschlüpft am 3. Mai nach 3 ½ Wochen Brutzeit mit Frostnächten bis -6° C und Schneefall Ende April - alle drei wurden nach 26 Tagen flügge

Ende Juni teilten sich 8 Paare den Flussabschnitt Schäffäuli Es war ungewohnt stressig für die sechs am Ende erfolgreichen Thurgauer Paare: die Nistplätze lagen alle sehr nahe beieinander auf derselben Kiesinsel: die Reviergrenzen überschnitten sich. Anstatt sich so unauffällig wie möglich zu verhalten, damit ihre Tarnung nicht auffliegt, gerieten die Vögel einander immer wieder zu nahe – „Güggelikämpfe“ und wilde Verfolgungsjagden unter den Flussregenpfeifermännchen (Bild links) waren die Folge. Von einem einzigen Standort aus gab es oft spektakuläre und intime Einsichten ins Leben der Flussregenpfeifer. Während ein Paar schon Junge mit sich führte, waren drei andere noch am Brüten oder die Jungen gerade am Schlüpfen.
Damit diese Idylle nicht gestört wird, braucht es bei schönem Wetter an den Wochenenden Dauerpräsenz und auch abends kurze Kontrollen – Fahrverbote und Absperrungen werden sonst ignoriert. Nach einer intensiven Anfangszeit mit Verzeigungen, in Absprache mit Ruedi Lengweiler (Auenschutz Thurgau,) war der Tarif klar(er). Wir konnten sehr viele Besucher - auch solche, die ursprünglich vorgehabt hatten, direkt über die Insel ans Wasser zu gelangen - mit dem Blick durchs Fernrohr begeistern und (hoffentlich) nachhaltig ins Boot holen.


Männchen und Weibchen brüten abwechslungsweise ca. 24 Tage in kleiner Nistmulde im Kies, Wind und Wetter 100% ausgesetzt.
Der Schlüpftag ist gefährlich: ein paar Stunden kann es dauern bis alle Pullis geschlüpft sind. Das Männchen trägt alle Eischalen sofort weg, die Innenseite leuchet weiss, Feinde sind allgegenwärtig im Luftraum über der Insel : Greifvögel, Möwen und Krähen



2016: 5 Eisvogelpaare zwischen Altikerbrücke und Asperhof (3 davon vor Ort), aber alle ohne Nachwuchs wegen Hochwasser im 4- Wochen- Abstand. Dazu die plötzliche Kälte anfangs Jahr -> 2017 nur ein einziges Eisvogelpaar im Schäffäuli (mit 2 erfolgreichen Bruten)


Bei intakten Markierungen auf der Wasserseite wird der Bötlerverkehr während der ganzen Saison in die „richtige„ Richtung (ab)gelenkt, dabei geholfen hat aber auch die natürliche Strömungsrichtung des Flusses.
Ziemlich hilflos ist man, wenn - wie am Pfingstmontag - plötzlich ein Rega-Helikopter auftaucht, das Wasser aufstiebt und die Markierungslaminate davonfliegen … Gerade waren vier Pullis geschlüpft und zwei Vögel brüteten an den markierten Stellen: sie drückten sich instinktiv dicht auf den Boden, um ihre Gelege zu schützen. Unsere „unverschämte“ Anzeige der Fastlandung mit Fotobeleg bei Tel. 117 korrelierte zeitlich mit einem Einsatzflug wegen einer als besitzerlos gemeldeten Hose flussaufwärts am Thurufer. Eine angepasste Flughöhe über Schutzgebieten (akute Lebensgefahr ausgenommen) kann hier dennoch ganzjährig erwartet werden.
Der amtlich angeordnete Drohneneinsatz einer Vermessungsfirma drei Wochen später am selben Ort hatte uns gerade noch gefehlt. Die Flughöhe von 400m lag zwar höher als die von der Vogelwarte Sempach empfohlene Mindesthöhe von 200m für Drohnen über Schutzgebieten, Start- und Landeort lagen aber nur ein paar Schritte neben der abgesperrten Brutinsel – für die Vögel ein grosser Greifvogel im Angriffsmodus. Die zeitnah geplante Erfassung von Querprofilen direkt im Flussbett mit Durchquerung der Insel mussten nach dem registrierten Vorfall zum Glück verschoben werden und erfolgte – nachträglich amtlich angeordnet - nach Absprache mit uns am Ende der Brutsaison.


Fazit - Allen Beteiligten sollte klar sein, dass die Durchführung von Einsätzen in Schutzgebieten, insbesondere zur Brutzeit, nur in Ausnahmefällen bewilligt wird, grundsätzlich zu vermeiden und sorgfältig zu planen ist.

Seit Mai stehen die Zürcher Infotafeln zum Gebiet „Schäffäuli“ an vier Standorten (Feldisteg, Altikerbrücke, Fuchsbrücke und Asperhof)

Die 40-jährigen Tafeln wurden ersetzt und modernisiert. Ob sie auch so lange halten müssen? Bei einem Gesamtkonzept für eine umfassende Besucherlenkung und einer Schutzverordnung für beide Flussseiten sind wir für Änderungen gerne wieder dabei !
Die Kantonsgrenze verläuft bekanntlich in der Mitte des ehemals begradigten Flusses. Seit der Renaturierung sind die Grenzen aber fliessend – wenn wir die Zürcher Kiesbänke betreten, sind wir nach ein paar Schritten im Kanton Thurgau und damit auch im nationalen Auenschutzgebiet.
Für die Vielfalt in diesem artenreichen Lebensraum versuchen wir die Besucher ganzjährig zu sensibilisieren: im direkten Kontakt, mit Beobachtungen vor Ort und auf Exkursionen oder auch an einem Stand anlässlich des internationalen Zugvogeltages auf dem Thurdamm.

Eine sanfte Besucherlenkung hat das mit dem AWEL ausgehandelte Mähregime zur Folge: Dank dem Krautsaum entlang der Heckenstreifen am Thurufer, der beim ersten Schnitt stehen gelassen wird, gibt es weniger direkte Zugänge ans Wasser - wer will sich schon die Beine an den Brennesseln verbrennen…

 

Auch die alternierend gemähten Dammabschnitte halten die Leute eher auf dem Dammweg und bringen – als Hauptgewinn – von Frühling bis Herbst ein lückenloses reiches Blüten- und Futterangebot für alles, was kreucht und fleucht.


 

Die Totalsperrung des Thurgauer Rücklaufs bewährt sich. Der Aufwand ist vor allem anfangs Saison gross, irgendwann wissen alle Beteiligten, um was es geht. Ohne Kontrollen wären die meisten Hunde freilaufend mitten auf der Insel unterwegs, zusammen mit ihren Besitzern oder unbeaufsichtigt. Es würde campiert, gebrötelt, gefischt… Wie viele der 23 geschlüpften TG - Jungen wirklich flügge wurden, wissen wir nicht.

Die ersten drei „Mai-Pullis“ konnten wir vom Schlüpftag bis zum Abheben beobachten: die Vegetation war niedrig, der „Dichtestress“ unter den Flussis noch nicht vorhanden, die Familie fast stationär rund um ihren ursprünglichen Brutplatz. Vermutlich ein erfahrenes Brutpaar mit offensichtlich weitsichtiger Planung: alles Nötige vorhanden für den Nachwuchs.

Für spätere Thurgauer Paare waren die Bedingungen wahrscheinlich nur noch suboptimal. Zahlreiche natürliche Feinde kamen mit der zunehmenden Trockenheit ab Juni dazu. Wegen Futtermangel auf den Feldern kamen grosse Krähenschwärme auf die Schlickflächen der Insel. 2 -3 Graureiherfamilien warteten ebenfalls auf leichte Beute und der Fuchs schlich bei Niederwasser auch tagsüber über die Insel. Hielten sich die Familien nach dem Schlüpfen noch 4-5 Tage gut sichtbar in Wassernähe auf, so zogen sie sich, die einen bereits etwas dezimiert, in die dichte hohe Vegetation um die Schlickflächen herum zurück. So gab es oft nur noch kurze Augenblicke, in denen ein zwei Jungvögel mit kurzem Besenschwanz durchs „Bild“ huschten. Oder man merkte am Verhalten der Altvögel, dass sie ihre Jungen am Betreuen waren. Eben flügge gewordene Vögel wurden von anderen Altvögeln sofort vertrieben, weil der Platz knapp war.

Die zwei ZH- Flussregenpfeiferpaare hatten keinen Bruterfolg. Der höchste Punkt der Insel lag zu nahe am Abgang auf die Kiesbank. Bei jedem, der auf die Insel kraxelte, verliessen die brütenden Vögel das Gelege oder die Hunde rannten schon vor ihren Besitzern quer über den abgesperrten Teil. Sie wichen für eine 2. Brut auf eine tiefer gelegene Stelle, wo sie den Abgang nicht mehr im Blick hatten, dafür das Wegschwemmrisiko sehr gross war.

Das 2. Paar brütete an noch niedriger gelegener Lage, wurde aber von den Besuchern wegen der Grösse der Kiesbank nicht gestört. Es verlor sein Gelege wie das andere nach nur kleinen Regenfällen.

Ende Saison ist anfangs Saison
Langfristig gesehen braucht es ein Besucherlenkungskonzept, dass ohne Freiwillige funktioniert - über die Kantonsgrenze hinaus.

Ideen zur Lösung dieses Problems sind immer noch gesucht und willkommen – dieser Lebensraum mit seiner vielfach dokumentierten, extrem hohen Biodiversität hat unschätzbaren Wert für uns alle.
Auf eine neue erfolgreiche Saison 2018 !
Fide Meyer (Text und Thurbilder), Silvio Bartholdi (Vogelfotos, Vortragstitelbilder)

 

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.